![]() |
||||
„Eine riesige Nerverei“
Eigene Songs und Cover-Versionen mit Folk- und Country-Anleihen ("We Shall Overcome", "Blowing In The Wind") sollen die Menschen auf Missstände aufmerksam machen und für ihr Umfeld sensibilisieren. Doch ist Joan Baez keine Schreibtischtäterin – sie schreckt nicht davor zurück, für ihre Ziele auf die Straße zu gehen oder gar ins Gefängnis, beispielsweise weil sie in amerikanischen Großstädten Plakate gegen die Atomrüstung klebte oder es ablehnte, Steuern zu zahlen, „weil ein Teil des Geldes für Bomben und Panzer ausgegeben wird“ und sie statt dessen die Hälfte ihrer Konzerteinnahmen an pazifistische Organisationen überwies. Nach sechs Jahren Pause bringt die Frau, die einst über sich selbst sagte, „eigentlich bin ich keine Sängerin, sondern eine Politikerin“, ein neues Studioalbum heraus. „Dark Chords On A Big Guitar“ heißt der Longplayer, für den sie mit Hoffnungsträgern wir Ryan Adams, Steve Earle oder Josh Ritter zusammen arbeitete. Im Interview spricht Joan Baez über ihr politisches Engagement, Ruhepole und die Bush-Regierung. Wo und wie leben Sie zurzeit? “Ich wohne in Nord-Kalifornien in der Nähe von San Francisco. Ich lebe so einfach wie ich kann. Ich ernähre mich immer mehr von dem, was wir auf unserem eigenen Besitz produzieren. Ich habe 20 Hühner, deshalb esse ich eine Menge Eier (lacht). Das Grundstück liegt umgeben von vielen Bäumen. Ich schlafe sogar auf einem.” Sie schlafen auf einem Baum? “Ja, ich schlafe auf einer Plattform auf einem Baum - im Sommer. So lebe ich (lacht).” Und im Winter ziehen Sie dann in Ihr Haus um? “Gewöhnlich ziehe ich im Winter ins Innere um, ja.” Ich habe mir Ihre Biographie angeschaut und mich gefragt, wann Sie bei allem, was Sie tun - von Musik hin zu Wohltätigkeitsveranstaltungen - Zeit zum Schlafen finden. “Wenn ich mich auf meinen Baum zurückziehe, dann kann ich schlafen (lacht). Nein, also wenn ich zu Hause bin, habe ich viel Zeit. Ich verbringe Zeit mit meinem Sohn, ich tanze gerne und schreibe Gedichte. Ich tue so, als würde ich die Blumen züchten, die mein Garten hervorbringt, und pflücke sie. Und seit Kurzem habe ich dann wieder viel Zeit in meine Musik gesteckt.”
Sie haben auch an einer Konzerttour gegen Landminen teilgenommen. “Ja, das war wunderbar. Diese “Anti-Landminen-Tour” war meine erste. Emmylou Harris und Steve Earle waren dabei, Chrissie Hynde... Ich hatte noch nie vorher mit Chrissie zusammen gesungen. Wir haben herausgefunden, dass alle möglichen interessanten Dinge entstehen können, wenn man sich auf einer persönlichen Ebene kennen lernt.” Ich erinnere mich daran, dass Prinzessin Diana diese Kampagne gegen Landminen ins Leben gerufen hat. Glauben Sie, dass die Welt oder vielleicht besonders Großbritannien eine zweite Prinzessin Diana brauchen? “Ich denke, wir alle benötigen eine Menge Leute, die bereit sind, sich über unsere zur Zeit gegebenen Beschränktheiten hinwegzusetzen, denn es sind jetzt entscheidende Zeiten angebrochen.” Kann man im Hinblick auf Ihre Lebensgeschichte sagen, dass Musik Ihr Beruf ist und Widerstand gegen Ungerechtigkeit Ihre Mission? “Hmm, man kann das bis vor etwa 15 Jahren etwa so sagen. Dann überholte Politik die Musik. Dann habe ich erkannt, dass ich das tun musste, was alle anderen Leute taten, wenn ich eine lang andauernde Musikkarriere haben wollte. Als ich 18 war, brauchte ich das noch nicht. Ich musste also ein Management anheuern und die Maschinerie wieder anschmeißen. Oder es hätte bedeutet, dass ich es nicht für die Öffentlichkeit tun würde.” Als ich das Cover Ihres neuen Albums “Dark Chords On A Big Guitar” sah, war ich überrascht, Sie so glamourös zu sehen: in schwarzer Lederjacke und mit Sonnenbrille. Warum haben Sie dieses Outfit gewählt? “Als wir Fotos für die neue CD gemacht haben, gab es haufenweise Klamotten, aus denen ich auswählen konnte. Riesige Röcke und alles Mögliche. Also habe ich mir dieses Mal das ausgesucht, was ein bisschen aus dem Rahmen fiel und Spaß machte. Es ist übrigens keine Lederjacke, obwohl sie wie Leder aussieht. Sie glitzert (lacht). Ich habe mich hervorragend amüsiert und dann habe ich die Sonnenbrille aufgesetzt. Natürlich sagte meine Mutter, ‘Schätzchen, wo sind denn deine Augen?’, aber ich meinte, ‘Keine Angst, Mutter. Die sind hinter der Brille noch da!’. (lacht). Ich meine, ich bin schließlich seit 43 Jahren ich selbst. Da macht es Spaß, sich einen kleinen Ausbruch zu gönnen. Die CD hat übrigens, obwohl sie total ich ist, einen Hauch von Andersartigkeit. Das wird durch die Fotos eben auch vermittelt.” Warum haben Sie für die CD sechs Jahre gebraucht? “Ich denke, weil ich mich nicht in Eile gefühlt habe. Deshalb habe ich auch noch Reisen unternommen und Konzerte gegeben. Ich hatte neue Ideen, neue Musiker. Irgendwann war dann der Zeitpunkt erreicht, mit einigen Songs ins Studio zu gehen.” Werden Sie mit denen auch auf Tournee nach Deutschland kommen? “Das stelle ich mir vor. Das hängt davon ab, wie gut Sie sind (lacht)! Wir tun unser Bestes. Haben Sie jemals daran gedacht, Musik aufzugeben und sich voll und ganz auf soziales Engagement zu konzentrieren? “Nun, ich habe mich etwa 30 Jahre lang auf Politik konzentriert. Dann war es einfach an der Zeit, mich auf die Musik zu konzentrieren - solange ich noch eine Stimme habe. Sie wissen, wie Dinge sich verändern - plötzlich befinden wir uns in einer Welt, die viel gefährlicher ist als es noch vor ein paar Jahren schien. Und deshalb werden Musik und Politik wieder zusammen kommen - vielleicht so, wie sie es vorher taten. Vielleicht mit einer anderen Vorstellungskraft. Ich weiß es nicht. Es braucht viel, um im derzeitigen politischen Klima etwas zu bewegen.” Mit jüngeren Songwritern zu arbeiten, ist etwas, das Sie schon immer getan haben. Kommen die gewöhnlich auf Sie zu oder geht der Kontakt von Ihnen aus? “Beides. Seit einigen Jahren habe ich ja mit ihnen auf der Bühne gearbeitet, mit jüngeren und zum Teil auch sehr jungen Songwritern. Sobald das publik ist, kommt es auf einen zurück und Leute bieten einem Songs an und möchten mit uns auf Tour gehen.” Welche Kriterien müssen sie erfüllen, um für Sie schreiben zu dürfen? “Sie schreiben nicht für mich. Sie schreiben einfach gute Songs. Einige gestehen, dass sie beim Schreiben an mich gedacht haben. Das ist nett. Aber ein Lied muss nicht für mich geschrieben sein. Es gibt so viel wunderschönes Material, wie wir gerade feststellen.” Haben Sie jemals einen Song abgelehnt? “Sie meinen von jemandem, den ich kannte (lacht)? Nun, ein Song wird nicht ganz so behandelt. Die Vorgänge sind diplomatischer. Ich kann ihn singen oder auch nicht.” Glauben Sie, dass die Musiker von heute politisches Engagement vermissen lassen? “Ich glaube, dass Musiker, die heute schreiben, sich da wiederfinden, wo wir vor fast 40 Jahren waren. Diejenigen, die es ernsthaft betreiben, werden die Nase voll haben von Britney Spears und der aktuellen Politik. Und die Songs beginnen ja schon, sich zu zeigen: die, die eine andere Bedeutung haben und eine andere Botschaft als selbst vor drei Jahren. Und gleichzeitig glaube ich auf der Grundlage von allem, dass ich gesehen haben, dass auch in den letzten 15 Jahren immer Songs geschrieben wurden, die man sich jetzt anders anhören wird. Denen man jetzt wirklich zuhören wird.” Aber auf der anderen Seite geschieht zurzeit auch Folgendes: Als die Dixie Chicks sich in Paris gegen George W. Bush ausgesprochen haben, wurden in Amerika ihre Platten verbrannt und Ihre Lieder aus dem Radioprogramm geworfen. “Oh, Amerika ist völlig dumm geworden. Aber lassen Sie mich noch kurz sagen, dass die Dixie Chicks enormen Erfolg gehabt haben, seit ihre Platten verbrannt worden sind. Man kann sich natürlich solche Publicity nicht wirklich für sich selber wünschen.... (lacht). Aber das Schöne an den Dixie Chicks ist, dass sie durch diese Geschichte politisiert worden sind. Sie hätten sagen können: ‘Oh, wir lagen falsch. Gott schütze Amerika.’. Das wäre der einfache Weg gewesen. Aber was passierte war das Gegenteil. Und wunderbarerweise ist ihr Publikum größer geworden.” Warum leben Sie noch in Amerika? Ich habe mir “Christmas in Washington” angehört und hatte den Eindruck, dass Sie unzufrieden mit den regierenden Republikanern sind und sich nach den Zeiten zurücksehnen, als die Leute auf die Straßen gingen. “Das ist eine gute Frage, warum ich noch in Amerika lebe. Ich denke, viele Menschen haben die Frage im Hinterkopf, wo sie denn hingehen sollten. Vor allem, wenn sich die Dinge weiter in die Richtung bewegen, in die sie sich bewegen. Aber ich bin hin- und hergerissen: Wenn man nicht bleibt, um es zu bekämpfen, breitet es sich nur weiter aus. Auf das nächste Land. Und anstatt mir zu überlegen, wohin ich denn umziehen sollte, denke ich darüber nach, wie es für mich wäre, zum Mittel des zivilen Ungehorsams zu greifen und ins Gefängnis zu gehen. Es war vor 30, 35 Jahren einfacher.” Würden Sie das wieder tun? “Ich bin sicher, dass es Umstände geben könnte, in denen ich das wieder tun würde, ja.” Wo nehmen Sie die ganze Kraft her? Kam nie die Zeit, in der Sie gesagt haben: ‘Ich schmeiße einfach alles hin und kümmere mich um die Blumen in meinem Garten”? “(Lacht) Die Zeit ist ab und zu gekommen, ja. Ich habe das ein bisschen gemacht, mich um meine Blumen gekümmert. Und irgendwie ist die ganze Bush-Geschichte eine riesige Nerverei. Weil ich gerne zu Hause wäre, ein paar Platten machen und Zeit mit meinem Sohn verbringen würde. Meine Mutter wohnt jetzt bei mir - ihr Leben nähert sich dem Ende und ich bin sehr gerne mit ihr zusammen. Aber andererseits gibt es diesen wirklichen Wahnsinn, dem man nicht ausweichen kann. Also, ich erlebe ich das als große Lästigkeit (lacht). Trotzdem fühle ich mich verpflichtet, ein Teil des Widerstandes zu sein.” Es muss sehr schwer für Sie sein, da Sie selbst als Kind einige Zeit im Irak gelebt haben. “Ich habe ein Jahr im Irak gelebt, in Bagdad. Ich habe Erinnerungen daran... Es war kein glückliches Jahr. Ich hatte als amerikanisches Kind großes Glück, diese Sachen selber zu sehen. Aber es war schmerzhaft. Ich glaube auch, dass meine politischen Gedanken begannen, als ich das Tagebuch der Anne Frank las, während ich in Bagdad lebte. Ein wenig war ich auch vorher schon politisch, weil meine Familie Quäker waren. Aber irgendetwas fügte sich für mich in Bagdad zusammen.” Sind Sie kürzlich mal wieder dort gewesen? “Nein. Ich war nicht mehr im Irak, seit ich zehn Jahre alt war.” Ihr Kollege und Freund Konstantin Wecker ist dorthin gefahren, kurz bevor der Krieg begann. “Das wusste ich nicht.“ Er fuhr dahin und demonstrierte als eine Art menschliches Schutzschild. “Diese Aktion, als menschliche Schutzschilde andere Menschen und soziale Einrichtungen zu schützen, sind einige der mutigsten Handlungen, die unternommen worden sind. Es gibt so viel Widerstand in und um Bagdad, über den die Presse und Fernsehsender zu berichten sich weigern.” Wären Sie mit Konstantin hingefahren, wenn er Sie gefragt hätte? “Im Moment wäre ich wahrscheinlich nicht nach Bagdad gegangen - aus vielen Gründen. Einer ist, dass es für mich gefühlsmäßig einfach zu intensiv ist. Ich muss mich darauf vorbereiten. Wenn es an einem Punkt für mich Sinn macht, dorthin zu fahren, wenn es sich als das Richtige darstellt, dann werde ich hinfahren.” In der Vergangenheit und auch in der Gegenwart haben viele Künstler und Entertainer sich geweigert, politische Statements abzugeben. Sogar in Kriegszeiten: wie Elvis in den Siebzigern oder Tom Jones vor einigen Monaten. Was halten Sie von denen, die sich so verhalten? “Ich denke, Menschen zu kritisieren, die sich nicht so verhalten wie ich es gerne hätte - die anderer Meinung sind oder sich nicht politisch engagieren oder äußern - steht mir nicht zu. Es entspricht offenbar nicht ihrer Natur. Vielleicht ist es auch unsere Schuld, weil wir sie vielleicht nicht eingeschlossen haben in unseren Kreis oder nicht die Hand zu ihnen ausgestreckt haben. Die Dixie Chicks z.B. sind per Zufall da hineingeraten und haben sogar ein wunderbares Resultat bekommen. Ich denke, je weniger wir unsere Kollegen kritisieren, desto besser und weiser ist es, wenn wir sie auf lange Sicht vielleicht doch dazu verführen wollen, in unser Camp zu wechseln.” Eine letzte Frage zur Politik: Arnold Schwarzenegger bewirbt sich um das Amt des Gouverneurs in dem Staat, in dem Sie leben... „Oh, bitte.. (lacht). Fragen über amerikanische Politik zu beantworten war bisher eine Sache. Aber Arnold Schwarzenegger in meinem Staat zu haben, der zur Wahl antritt, ist so total daneben, so allumfassend peinlich, dass die beste Antwort ein Lachen ist (lacht). Wahrscheinlich gewinnt er sogar.” Zurzeit sind Sie damit beschäftigt, Ihre neue CD bei uns und in den USA zu promoten. Was sind Ihre Pläne für die nächsten Monate? “Ende September beginnt meine Tour in den Staaten. Da werde ich hoffentlich die Freude haben, viel neues Material zu singen. Wenn alles gut läuft, werde ich dann Anfang nächsten Jahres wieder nach Europa kommen.” Müssen Sie besonders bewacht werden, wenn Sie sich auf Tournee befinden? “(Lacht) Ich habe mich immer geweigert, besonders beschützt zu werden, wenn ich toure. Außerdem sind die Menschen, die die Neigung haben, mich zu verfolgen, im Grunde genommen harmlos. Bisher. Sie sind manchmal ein bisschen seltsam, aber nie gefährlich gewesen.” Sind nie Fans zu Ihrem Haus gekommen? Vielleicht auch Menschen, die Sie nicht mochten? “Vor Jahren sind eine Menge Leute zu meinem Haus gekommen. Da war die Situation so, dass ich Essen nach draußen gestellt habe - und sogar ein Zeitlang auch eine Matratze. Das sollte sagen: ‘Esst, trinkt, schlaft - aber dann geht bitte!’ Auch jetzt kommen einige. Aber das ist eigentlich eher schmeichelhaft als alles andere. Wenn sie kommen, weil sie die neue CD gehört haben und sie ganz wunderbar finden, dann werde ich sagen: ‘Kommt her, lasst und reden!’ (lacht). Die meisten Leute in meinem Alter assoziieren Ihren Namen mit Woodstock - was lange her ist - und mit sozialem und politischem Engagement. Die Menschen meiner Generation verbinden Sie weniger mit Ihren Songs. War es das, was Sie wollten, als Sie Ihre Karriere begannen? Denn Sie haben damals immer gesagt, dass sie Menschen und ihr Denken ändern wollten. “Als ich anfing, habe ich gar keine Pläne gemacht. Meine Vorstellung von der Zukunft war der nächste Freitag! Jüngere Menschen haben die verschiedensten Vorstellungen von mir. Vor einer Weile saß ich bei einem Fluss auf einer Bank mit drei jungen Menschen, die überhaupt keine Ahnung hatten, wer ich war (lacht). Das ist perfekt!” Das macht Ihnen nichts aus? “Ich habe Ihnen meine neue CD gegeben und ihnen viel Spaß gewünscht.” Was ist Ihr Eindruck von Deutschland zurzeit? Ich bin noch nicht lange genug hier, um meinen aktuellen Eindruck zu schildern. Aber in der Vergangenheit war Deutschland wahrscheinlich das intelligenteste Publikum, das ich je hatte. Und jetzt haben wir etwas gemeinsam, die USA und Deutschland: Die Deutschen waren aufgrund ihres Rufes immer irgendwie unbeliebt. Jetzt haben wir sie darin überholt.” (Sonja Ritter) |
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
©2010 Public Address presseagentur - http://www.unikosmos.de |
||||